DIE FREIHEIT DER WAHL
Aktualisiert: 9. Sept.

P R A C T I C E S
Als Bundesunternehmen nimmt die Mediengruppe Wiener Zeitung gleich mehrfach eine Vorbildfunktion beim Thema Digitale Souveränität ein – bei der Vernetzung und Zusammenarbeit in der heimischen Medienlandschaft genauso wie für die eigenen Formate. Dazu setzen CIO Martin Mair und Reinhard Falschlehner, Head of Innovation, Engineering & AI, vor allem darauf, laufend neue Lösungsalternativen für das Unternehmen zu erschließen – zum Beispiel mit einem eigenen KI-Setup.
Bei einem so komplexen Thema wie Digitale Souveränität ist es oft nicht klar, wo sich am besten ansetzen lässt. Für die Verantwortlichen der Mediengruppe Wiener Zeitung ist das allerdings sehr klar: zum Beispiel beim Umgang mit KI-Tools. „Die Herausforderung bei digitalen Technologien wie etwa Künstliche Intelligenz ist es, am Puls der Zeit zu bleiben und zugleich dennoch digital souverän zu agieren – und diese Herausforderung stellt sich uns in vielfältiger Form", sagt Martin Mair. Die angesprochene Vielfalt ist nicht zuletzt das Ergebnis einer radikalen Transformation, die das Unternehmen in den letzten Jahren durchlebt hat, und die der CIO maßgeblich mitgestaltet hat.
Aus der 1703 gegründeten und damit ältesten gedruckten Tageszeitung der Welt galt es eine moderne Digital Company zu machen, die gleichzeitig als Bundesunternehmen auch eine Reihe gesetzlich festgelegten Aufgaben zu erfüllen hat. Dazu gehört es unter anderem, die österreichische Medienlandschaft im Rahmen eines Media Hub Austria zu fördern – und das gleich auf mehrfache Weise.
MOTOR UND ROLE MODEL IN SACHEN DIGITALE SOUVERÄNITÄT
Erstens unterstützt man mit einem Media Innovation Lab heimische Startups dabei, innovative Ideen im Medienbereich auf den Markt zu bringen. Zweitens bietet man ein 360° Traineeship, das die Teilnehmer:innen mit den veränderten Tätigkeiten und Skills vertraut macht, die in journalistischen Berufen künftig gefragt sind. Und drittens liefert man mit einem Zentrum für Medienwissen den heimischen Medienschaffenden eine effektive Möglichkeit, um sich gemeinsam laufend auf den letzten Wissensstand zur Nutzung neuer Technologien für das eigene Business zu bringen.
Und dann ist da natürlich auch noch die Wiener Zeitung selbst, die sich heute als digitales Kompassmedium versteht und mit einer Webpräsenz und einer breiten Palette an Online- und Social-Media-Channels sehr gezielt und intensiv auch ganz junge Zielgruppen adressiert. An die Stelle des früheren gedruckten Amtsblattes hat man auf die digitale Informationsplattform evi.gv.at geswitched und agiert in Zusammenarbeit mit Ministerien und öffentlichen Institutionen als Content Agentur, um „amtliche" Informationen verständlich, attraktiv und bürgernah aufzubereiten und nutzerfreundlich auszuspielen. Gleichzeitig betreibt man genauso auch Business-Plattformen wie etwa wirtschaft.at, auftrag.at und auszug.at.
Über all die unterschiedlichen Formate hinweg steht der Anspruch, den man an sich selbst stellt: Man will sich über Österreich hinaus als Vorreiter im öffentlichen Bereich positionieren, wenn es um digitale Innovationen geht – und zugleich als Bundesunternehmen auch ein Vorbild in Sachen Digitale Souveränität liefern.

„Wir haben es bei unseren öffentlichen Aufträgen oder auch bei journalistischen Recherchen zum Teil mit sehr sensiblen Daten zu tun“, stellt Martin Mair klar.
„Auf der anderen Seite nutzen wir bei unserer Arbeit natürlich die Cloud, setzen KI-Tools wie ChatGPT oder Claude ein und haben zudem auch eine Software-Entwicklung im Haus.
Da braucht es eine äußerst diverse IT-Infrastruktur, die den Spagat zwischen Innovation und Kontrolle schafft und beides zulässt – und damit letztlich Digitale Souveränität ermöglicht.“
Dieser Spagat tut sich besonders deutlich auf, wenn es um das Thema KI geht. Für die ist bei der Mediengruppe Wiener Zeitung Reinhard Falschlehner als Head of Innovation, Engineering & AI zuständig. Seit zwei Jahren setzt er dabei verstärkt einen Fokus auf Souveränität: „Digital souverän zu sein, bedeutet ja nicht zwangsläufig, alles im eigenen Haus zu haben und selbst zu machen – viele der Dinge, die am Markt angeboten werden, wie beispielsweise die Services, die Hyperscaler aufgebaut haben, bieten starke Benefits. Für uns bedeutet Souveränität vor allem Unabhängigkeit und Handlungsfreiheit."
So betrachtet man das Thema bewusst differenziert – etwa mit Fragestellungen wie: Geht es um sehr sensible Daten oder um solche, die ohnehin alle im Web verfügbar sind? Um welche Prozesse geht es? Wo laufen die Maschinen? Welche Daten werden mit welchen Applikationen verarbeitet? Dabei ist für den KI-Verantwortlichen entscheidend, immer den nötigen Kompetenzaufbau auf dem Radar zu haben. Der fällt aus seiner Sicht bei der allgemeinen Souveränitäts-Diskussion nämlich oft unter den Tisch:
„Wenn ich Services nur nutzen, aber nicht verstehen kann, bin ich automatisch abhängig“, konstatiert Falschlehner. „Und das gilt nicht nur für Aspekte wie Datenschutz oder geistiges Eigentum, sondern genauso für den Fall, dass die preislichen Konditionen eines Anbieters nicht mehr tragbar sind.“

KOMPETENZEN ALS VORAUSSETZUNG FÜR SOUVERÄNITÄT
Den nötigen Kompetenzbedarf, um in solchen Fällen möglichst unabhängig und frei agieren zu können, ortet man bei der Mediengruppe Wiener Zeitung nicht nur bei der Technik, bei den Architekturexpert:innen und den Software Engineers, sondern genauso bei den Usern.
„Um auf eine alternative Anwendung switchen zu können, reicht es nicht, dass es technisch machbar ist“, stellt Mair fest.„Was nützt es, wenn etwas reibungslos läuft, aber die User damit nicht arbeiten wollen oder können?“
Um das zu vermeiden und den Handlungsspielraum für das Unternehmen zu vergrößern, hat die IT-Organisation unter dem Titel AIWorx einen Mix aus Basisschulungen, Workshops und Roadshow im Ein- bis Zwei-Monatsrhythmus etabliert, der sich in hohem Maß auf die spezifischen Needs der unterschiedlichen Teams im Haus ausrichtet und auf die Frage: Wo liegen die Probleme der Kolleg:innen und welche digitalen Lösungen können sie bei der Arbeit tatsächlich unterstützen?
Jede Lösungsalternative, die man auf diese Weise identifiziert, bedeutet ein Stück Unabhängigkeit mehr – allerdings auch ein Stück Arbeit und Komplexität mehr. Denn diese Alternative gilt es für die 20-köpfige IT-Organisation zusätzlich auch technisch zu implementieren, zu betreiben und zu supporten.
So wie beispielsweise eine eigene KI-Infrastruktur, deren Aufbau man, unterstützt vom Wiener Startup Xinity, im Frühjahr 2025 gestartet hat. Das Ziel: spezifische AI Use Cases mit eigenen gesicherten Daten und Open Souce LLMs jenseits von Open AI, Anthropic & Co. abzubilden, auszuprobieren und in den eigenen Prozessen und Produkten zu verarbeiten. Dazu hat man sechs kleine Supercomputer mit NVIDIA-Blackwell-Architektur angeschafft und sie in einem Mini-Rechenzentrum – betrieben von eigener Rechenpower – physisch abgetrennt im eigenen Netzwerk installiert, umgerüstet und mit einem maßgeschneiderten Interface und Governance Layer ausgestattet, um quasi auf Knopfdruck die eingesetzten LLMs provisionieren zu können.

„Für diese Use Cases braucht man nicht die maximale Intelligenz der neuesten Frontier-Modelle und auch nicht die maximale Rechenpower“, sagt Reinhard Falschlehner.
„Dafür reichen die Open- Source-Modelle, die technologisch vielleicht ein halbes Jahr Rückstand haben, auch bestens aus – die sich dazu auch noch gezielt auf unsere Use Cases ausrichten lassen."
DIE KI IM HAUS – SOUVERÄN, SICHER UND EFFIZIENT
Effizienter ist die eigene Variante auch noch – und das gleich in mehrfacher Hinsicht: Während es für die Frontier-Modelle ganze Rechenzentren braucht, hängen die kleinen, umgerüsteten Supercomputer mit einem 200-Watt-Kabel im eigenen Rack. Und auch die Kosten für das Inhouse-Setup gestalteten sich deutlich günstiger als jene, die man davor in einer Reihe externer Angebote für ähnliche Lösungen auf den virtuellen Tisch bekommen hatte.
„Dabei hätten wir in den meisten Fällen nicht einmal genau gewusst, auf welcher Infrastruktur das betreffende Setup gelaufen wäre", stellt Martin Mair fest. Für den CIO ist die Souveränität der entscheidende Benefit der eigenen KI-Infrastruktur: „Wir müssen uns keine Sorgen machen, wie sensibel die Daten sind, die wir hier verarbeiten, weil nichts davon das Haus verlässt." Vor diesem Hintergrund ist nebenbei, quasi als „Abfallprodukt", auch ein Company ChatGPT entstanden, den die Mitarbeiter:innen nun intern bedenkenlos umfassend nutzen können.
Dass auch Open Source LLMs mehrheitlich nicht made in Europe sind, verunsichert Reinhard Falschlehner in Sachen Souveränität nicht wirklich: „Es gibt hier noch nicht so wahnsinnig viele europäische Anbieter, die guten Output liefern und es geht auch nicht darum, dass ein LLM vielleicht nur mit Daten aus dem deutschsprachigen Raum trainiert wurde. Letztlich geht es um die eigenen Daten und darum, aus ihnen Nutzen zu ziehen, und über den Datenverkehr bei unserer KI-Infrastruktur haben wir volle Transparenz und Kontrolle."

Ganz im Gegensatz zur eigenen, sehr nüchternen Herangehensweise an das Projekt steht das extrem positive Echo, das man von außen erhalten hat – von Kolleg:innen aus anderen Unternehmen, die ganz ähnliche Needs haben und die sich nun sehr interessiert an den hier gemachten Erfahrungen zeigen. In der IT-Organisation der Mediengruppe Wiener Zeitung bleibt man dennoch fest am Boden der Tatsachen:
„Auch wenn die bisherigen Erfahrungen mit der Inhouse-KI-Infrastruktur sehr ermutigend sind, ist sie nur ein Teil unseres Hybrid-Konzeptes“, ordnet Martin Mair die Dinge ein und warnt vor übertriebenen Erwartungshaltungen. „Wenn man sich da einen allgemeinen Assistenten à la ChatGPT oder Claude erhofft, stößt man bald an Grenzen.
Aber für spezifische Assistenten, etwa beim Coding, gibt es mittlerweile auch sehr gute Open Source LLMs."
Auch hier gilt also der strategische Imperativ, Kompetenz aufzubauen – dazu, wie die Modelle laufen, wie sie sich am besten in die eigenen Prozesse einbauen lassen und wo es dabei Fallstricke gibt. Und dafür liefert der CIO der Mediengruppe Wiener Zeitung auch gleich ein Erfolgsrezept: „Erstens Ausprobieren, zweitens Ausprobieren und drittens Ausprobieren."
I DIGIT MY WAY Redaktion
Mehr zu den digitalen Plattformen der Mediengruppe Wiener Zeitung:
wienerzeitung.at, evi.gv.at, wirtschaft.at, auftrag.at, auszug.at







