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DIGITALE SOUVERÄNITÄT KANN EIN VORTEIL IM WETTBEWERB WERDEN

23. Aug.
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 9. Sept.



Bild: Shutterstock/Runawayphill
Bild: Shutterstock/Runawayphill


K O M M E N T A R



Jan Marco Leimeister, Professor für Wirtschaftsinformatik und Leiter der Forschungsinitiative „Digitale Souveränität im Unternehmen“ an der Universität St. Gallen, über die Grenzen von Open-Source-Strategien, über nötige Risikobewertungen und Handlungsalternativen, über die Nachteile europäischer IT-Produkte im globalen Wettbewerb und darüber, ob und wie Digitale Souveränität dabei zum Hemmschuh oder zum Trumpf werden könnte.



Wenn es um Digitale Souveränität geht und darum, diese in die Praxis umzusetzen, gilt es zunächst einmal zu verstehen, welche Trieb- und Fliehkräfte und welche Mechanismen hier wirken. Das ist alles andere als einfach.



„OPEN SOURCE FIRST" AUCH BEI DEN USERN?


Im Public Sektor wird darüber naturgemäß besonders intensiv diskutiert – und zwar zum Teil mit äußerst unterschiedlichen Perspektiven. In Deutschland setzt beispielsweise das Bundesland Schleswig-Holstein komplett auf Open Source als Basis und als Hebel für eine quasi national souveräne IT-Infrastruktur und versucht, dominierende Software US-amerikanischer oder anderer globaler Hersteller möglichst umfassend durch Open-Source-Produkte zu ersetzen. Und auch bei den vielen Dingen, die im öffentlichen Bereich überhaupt erstmalig digitalisiert werden müssen, heißt dort die klare Strategie „Open Source First".


Andere Akteure der öffentlichen Hand fahren bei diesem Thema eine differenziertere Strategie und setzen Open-Source-Lösungen nur dann ein, wenn sie aus der Perspektive der Bürger und Bürgerinnen und der internen User hinsichtlich Gebrauchstauglichkeit und Funktionsumfang mit einer Standard-Software mithalten kann.

Die Realität, denen sie sich gegenüber sehen, ist allerdings in vielen Fällen so, dass die leistungsfähigsten und auch gebrauchtauglichsten Lösungen eben nicht Open Source sind. Würde man gewohnte Produkte und Systeme durch sie ersetzen, müsste man mit massiven Akzeptanzproblemen auf Anwenderseite rechnen.

Zu meinen, dass es ausreicht, die Verwendung eines neuen Tools anzuordnen, damit es auch adäquat genutzt wird, ist ein Irrtum –  das funktioniert in Unternehmen genauso wenig wie in Behörden. Eine Lösung, die nicht angewendet wird, bringt aber letztlich keinen Nutzen, auch wenn noch so gute technische oder sonstige Gründe für ihren Einsatz sprechen mögen.


FEHLENDE SKALENEFFEKTE UND SOUVERÄNITÄT ALS UNTAUGLICHES DRUCKMITTEL

Das Problem ist, dass die Standardlösungen der globalen Player von einer extremen Skalierung leben, die über lange Jahre hinweg etabliert und ausgebaut wurde. Das gilt für die Software der großen Hersteller genauso wie für die Services der Hyperscaler. Wir müssen uns einfach dessen bewusst sein, dass wir in Europa eine derartige Skalierung nicht schaffen und dass wir deshalb per se einmal klar im Hintertreffen sind, wenn wir versuchen wollten, die bestehenden Standardlösungen 1:1 durch eigene Produkte zu ersetzen. In aller Regel werden wir damit immer einen Schritt später dran sein, dadurch zwangsläufig auch funktional einen Rückstand haben und zudem zumeist auch noch teurer sein.


Derzeit lässt sich der Trend beobachten, diese Nachteile kompensieren zu wollen, indem man Digitale Souveränität quasi als „Totschlagargument" und manchmal von Anbieterseite sogar als eine Art Druckmittel einsetzt.

Und auch auf Anwenderseite wird das Thema Souveränität in vielen Unternehmen vorrangig auf regulatorischer Ebene diskutiert. Damit erweisen wir dem Thema und vor allem uns selbst allerdings keinen guten Dienst, denn damit landet man letztlich recht bald bei der Frage: Was ist mir wichtiger – die Gebrauchstauglichkeit meiner Lösung oder die Souveränität? Und wenn sich diese Frage stellt, können wir das Thema Digitale Souveränität gleich abhaken und vergessen.



SYSTEMATISCHE RISIKOBEWERTUNG


Digitale Souveränität und gleichzeitig natürlich auch die eigentlichen Digitalisierungsziele lassen sich in Europa nur erreichen, wenn wir Lösungen in einer Qualität zur Verfügung stellen, die unsere Kunden und User gewohnt sind und sich auch erwarten. Und um das zu schaffen, gilt es – über den Einsatz von Open Source hinaus – weitere Handlungsalternativen zu finden und gezielt darauf ausgerichtete Strategien zu entwickeln.


Dazu ist es notwendig, zunächst einmal systematisch herauszufinden und darzustellen, welche Abhängigkeiten es überhaupt gibt und diese im Sinn einer Risikobewertung zu analysieren und zu hinterfragen: Wie viel Risiko bringen die verschiedenen Abhängigkeiten jeweils tatsächlich mit sich – von regulatorischen Richtlinien über die Preissetzung bis zur Stabilität und Handlungsfähigkeit für mein Business? Und hier gilt es abzuwägen: Wie hoch, wie realistisch, wie wichtig und wie teuer ist dieses Risiko?

Letztlich braucht es dafür anhand von Preisen und Schadenshöhen quasi eine versicherungsmathematische Perspektive: Was ist der maximale Schaden, der durch eine Abhängigkeit oder eine Nicht-Souveränität entstehen kann und wie teuer wäre eine Alternative?

Erst dann kann ich die jeweiligen Abhängigkeiten wirklich bewerten und priorisieren – und entscheiden, welche davon ich bereit zu tragen bin und für welche ich unbedingt Handlungsalternativen brauche.



SOUVERÄNITÄT ALS STRATEGISCHE GESTALTUNGSOPTION


Wenn ich beispielsweise von bestimmten Software-Produkten abhängig bin, die ich zumindest nicht in absehbarer Zeit ersetzen kann, habe ich vielleicht die Möglichkeit, sicherzustellen, dass diese Software meine Daten nur in Europa verarbeitet und speichert. Die TU in München zum Beispiel hat ein spezifisches Arrangement mit Microsoft getroffen, mit dem gesichert werden soll, dass sämtliche Daten den eigenen Hoheitsbereich nicht verlassen und auch beim Einsatz von Microsoft-Produkten Datensouveränität garantiert werden kann. Auf diese Weise gelingt es, Produkte, die fast alle kennen und verwenden, in einem digital souveränen Rahmen breit nutzen zu können.


Eine komplette Unabhängigkeit von einem Global Vendor – etwa im Hinblick auf die Preissetzung – hat man damit allerdings auch nicht erreicht. Deshalb müssen wir gleichzeitig ebenso strategisch danach trachten, die souveränen Alternativen zu verstärken. Ein zentraler Ansatz dafür wäre es, jede neue Software so modular zu bauen, dass durch Austauschbarkeit – vom Speicher bis zur Cloud-Plattform – für den jeweiligen Rechtsraum und für diesbezüglich jeweils spezifische Anforderungen eine souveräne Alternative angeboten werden kann. Auf diese Weise würden europäische Produkte im globalen Wettbewerb nicht mehr automatisch hinterherhinken, sondern sich klar positionieren und sogar abheben können.


Das bedeutet allerdings auch die Notwendigkeit, in Souveränität als Gestaltungsoption und in neue Mechanismen und Zielarchitekturen zusätzlich zu investieren. Dieses Bewusstsein ist in vielen europäischen Unternehmen und Organisationen allerdings noch nicht ausgeprägt vorhanden.

Deshalb ist es jetzt umso wichtiger, eine Erkenntnis in unsere Köpfe zu bringen und dort fest zu verankern: Digitale Souveränität darf kein Zustand sein, sondern muss Design werden, damit sie eine echte Chance hat – und zwar als Wettbewerbsvorteil und nicht als Druckmittel.






Jan Marco Leimeister ... ist Professor am Institut für Wirtschaftsinformatik (IWI) an der Universität St. Gallen (HSG) und leitet hier das Competence Center Digital Enterprise Transformation (CDET) mit Fokus auf AI, Cloud und Digitale Souveränität für Enterprise IT sowie die Forschungsinitiative „Digitale Souveränität im Unternehmen".

Jan Marco Leimeister gehört zu den renommiertesten internationalen Experten zu Forschungsthemen wie Digital & AI Transformation, Digital Value Creation, Generative AI & Zukunft der Arbeit oder Dienstleistungsinnovation.



 
 
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