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DIGITALE SOUVERÄNITÄT WIRD ZUM MILLIARDENMARKT

25. Aug.
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 9. Sept.


Bild: it&d business mit Unterstützung von KI
Bild: it&d business mit Unterstützung von KI


K O M M E N T A R



Michael Bentele, Herausgeber von it&d business, über die Entwicklung der Digitalen Souveränität vom politischen Schlagwort zum strategischen Thema für Unternehmen, über den Boom um Sovereign Cloud als vielversprechender Markt für Investitionen und darüber wie sich in einem souveränen Setup künftig Innovation und Kontrolle für alle Beteiligten miteinander vereinbaren lassen.



Noch vor wenigen Jahren wurde Digitale Souveränität vor allem mit DSGVO, Datenstandorten und Datenschutz verbunden. Heute betrachtet die Europäische Union technologische Souveränität als Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit, wirtschaftliche Resilienz und digitale Handlungsfähigkeit. Cloud-Plattformen, KI, Halbleiter und digitale Infrastrukturen gelten zunehmend als kritische Ressourcen. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein, dass digitale Abhängigkeiten nicht nur technische, sondern auch wirtschaftliche und geopolitische Risiken bergen.


Für IT-Verantwortliche bedeutet das einen Paradigmenwechsel. Nicht mehr allein Leistung und Kosten entscheiden über Technologien, sondern zunehmend auch Fragen nach Kontrolle, rechtlichen Rahmenbedingungen und langfristiger Handlungsfähigkeit.



DIGITALE SOUVERÄNITÄT WIRD ZUR WIRTSCHAFTSPOLITISCHEN LEITLINIE


Die Dynamik des Themas wird vor allem durch geopolitische Entwicklungen und industriepolitische Strategien getrieben. Mit ihrem Technologie-Souveränitätspaket macht die Europäische Kommission deutlich, dass digitale Unabhängigkeit längst kein isoliertes IT-Thema mehr ist, sondern ein wirtschaftspolitisches Zukunftsprojekt.

Im Fokus stehen Cloud-Infrastrukturen, künstliche Intelligenz, Halbleiter, digitale Plattformen und Open-Source-Technologien. Ziel ist es, Europas Handlungsspielräume bei kritischen Technologien zu stärken und strategische Abhängigkeiten zu reduzieren.

Für Unternehmen verändert sich dadurch das Investitionsumfeld nachhaltig. Regulatorische Vorgaben, Sicherheitsanforderungen und Resilienz gewinnen an Bedeutung.

Digitale Souveränität entwickelt sich damit vom politischen Leitbegriff zu einem wirtschaftlichen Faktor, der Beschaffungsstrategien und Technologieentscheidungen maßgeblich beeinflusst.

SOUVEREIGN CLOUD ENTWICKELT SICH ZUM WICHTIGSTEN MARKTSEGMENT

Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung im Cloud-Markt. Kaum ein Segment profitiert derzeit stärker vom Trend zur Digitalen Souveränität als Sovereign-Cloud-Angebote.

Marktanalysen prognostizieren für den europäischen Sovereign-Cloud-Markt bis 2032 eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 22,6 Prozent. Dahinter steht die steigende Nachfrage nach Lösungen, die Unternehmen und Behörden mehr Kontrolle über Daten, Betriebsprozesse und Zugriffsrechte ermöglichen.


Dabei verändert sich auch das Verständnis von Souveränität. Im Mittelpunkt steht heute weniger der reine Speicherort von Daten als vielmehr die Kontrolle über Administration, Management, Zugriffsrechte und die rechtlichen Rahmenbedingungen eines Cloud-Dienstes.

Für europäische Anbieter eröffnet sich dadurch eine attraktive Marktchance. Gleichzeitig reagieren internationale Hyperscaler mit souveränen Betriebsmodellen und Partnerschaften auf die steigende Nachfrage. Sovereign Cloud entwickelt sich damit zu einer eigenständigen Kategorie innerhalb des Cloud-Marktes.



KÜNSTLICHE INTELLIGENZ MACHT DAS THEMA NOCH DRINGLICHER


Zusätzliche Dynamik erhält der Markt durch den rasanten Aufstieg künstlicher Intelligenz. Während Cloud Computing längst etabliert ist, befindet sich der Markt für Sovereign AI noch in einer frühen Entwicklungsphase. Eine internationale Accenture-Studie unter 1.928 Organisationen in 28 Ländern zeigt jedoch deutliches Wachstumspotenzial: 61 Prozent der Befragten bevorzugen heute souveräne Technologien stärker als noch vor wenigen Jahren, in Europa liegt der Wert bei 62 Prozent.


Der Grund liegt auf der Hand. KI-Systeme verarbeiten zunehmend sensible Unternehmensdaten und geschäftskritisches Wissen. Damit rücken Datenhoheit, Modellkontrolle, Nachvollziehbarkeit und regulatorische Compliance stärker in den Fokus.

Für CIOs bedeutet das, Innovation und KI-Potenziale mit den Anforderungen an Sicherheit und Kontrolle in Einklang zu bringen.


FINANZWIRTSCHAFT UND ÖFFENTLICHE VERWALTUNG WERDEN ZU TAKTGEBERN


Wie in vielen Technologiemärkten treiben regulierte Branchen die Entwicklung besonders stark voran. Das gilt auch für Digitale Souveränität. Vor allem Finanzdienstleister, Behörden, Versorgungsunternehmen und Betreiber kritischer Infrastrukturen stehen unter Druck, digitale Abhängigkeiten zu analysieren und Risiken systematisch zu bewerten. Europäische Aufsichtsbehörden weisen seit Jahren auf Konzentrationsrisiken im Cloud-Markt hin und beobachten die starke Abhängigkeit vieler Organisationen von wenigen globalen Anbietern.

Mit regulatorischen Vorgaben wie DORA, NIS2 und dem Data Act steigen die Anforderungen an Resilienz, Transparenz und Governance weiter. Ein deutliches Signal setzte die Europäische Kommission mit der Vergabe eines Cloud-Auftrags über 180 Millionen Euro an europäische Anbieter. Die Entscheidung unterstreicht den politischen Willen, europäische Cloud-Kapazitäten auszubauen und technologische Eigenständigkeit zu stärken.

Für Managed Service Provider, Hosting- und Cloud-Anbieter bedeutet das, dass Souveränitätsanforderungen zunehmend Bestandteil von Ausschreibungen und Beschaffungsprozessen werden.


NEUE CHANCEN FÜR PROVIDER, SYSTEMHÄUSER UND INTEGRATOREN


Während internationale Plattformanbieter ihre dominante Marktstellung behaupten, eröffnet der Trend zur Digitalen Souveränität europäischen Dienstleistern neue Geschäftsmöglichkeiten. Gefragt sind nicht nur souveräne Infrastrukturen, sondern vor allem Beratungs- und Integrationsleistungen – von Datenklassifizierung und Multi-Cloud-Strategien bis zu Governance- und Compliance-Konzepten.

Gerade Systemhäuser, Managed Service Provider und regionale Cloud-Anbieter können sich als Vertrauenspartner positionieren, die regulatorische Anforderungen mit technologischem Know-how verbinden.

Dabei zeichnet sich ab, dass die meisten Unternehmen keinen vollständigen Wechsel zu europäischen Plattformen anstreben. Stattdessen setzen sie auf hybride Modelle: Kritische Daten, sensible Anwendungen oder KI-Workloads werden unter souveränen Rahmenbedingungen betrieben, während weniger kritische Dienste weiterhin auf globalen Plattformen laufen.

Digitale Souveränität entwickelt sich damit nicht zu einem separaten Markt neben Cloud, KI oder Cybersecurity. Sie wird vielmehr zu einem zusätzlichen Entscheidungskriterium für nahezu jede IT-Investition.

Für CIOs, IT-Leiter und Technologieanbieter rückt damit neben Leistung und Kosten zunehmend die Frage in den Mittelpunkt, wer kritische digitale Ressourcen kontrolliert und wie sich langfristige technologische Handlungsfähigkeit sichern lässt. Für sie alle verändert sich damit die Rolle Digitaler Souveränität grundlegend. Sie wird zunehmend zu einem festen Bestandteil von Cloud-, KI- und Infrastrukturstrategien – und damit zu einem Kriterium, das künftige Technologieentscheidungen nachhaltig prägen dürfte





Michael Bentele ... ist Herausgeber des B2B-Magazins it&d business und Herausgeber und Chefredakteur des Online-Portals itdbusiness.at.



 
 
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