top of page

Das Business E-Zine für digitale Strategien & Practices

SOVEREIGNTY BY DESIGN

22. Aug.
6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 9. Sept.


Fotos: I DIGIT MY WAY/Nikki Harris
Fotos: I DIGIT MY WAY/Nikki Harris


P R A C T I C E S



Für die Stadt Wien gilt es, Abhängigkeiten zu reduzieren und zugleich die Stabilität und Anwendungstauglichkeit der digitalen Services sicherzustellen. Dabei wird es für CTO Benedikt Schraik immer entscheidender, Souveränität bei jeder Lösung von Anfang an mitzudenken: von der technologischen Offenheit und Flexibilität über die Ressourcen im jeweiligen Ökosystem rundum bis zu der Frage, wie leicht man aus einer Lösung bei Bedarf auch wieder aussteigen kann.



Wenn irgendeine Zeitung schreibt, dass irgendwo gerade ein globaler Tech Player ein Service abgedreht haben soll, dann landet dazu in aller Regel von irgendwo her sehr bald auch die eine oder andere Frage bei Benedikt Schraik – etwa in der Art wie: Kann uns das auch passieren? Und was machen wir dann? In der öffentlichen Verwaltung, noch dazu als CTO der Stadt Wien ist, agiert man am Hotspot, wenn es um das omnipräsente Thema Digitale Souveränität geht.

„Da wird vieles in einen Topf geworfen – die Dinge, auf die man angesprochen wird, betreffen zum Beispiel oft die privaten Konten und nicht die Firmenkonten", sagt Schraik. „Aber natürlich ist Digitale Souveränität für die Stadt Wien ein extrem wichtiges Thema – und das war sie schon lange, bevor sich die aktuelle Diskussion so entzündet hat. Sie ist auch Teil unserer Digitalen Agenda 2030, die wir vor zweieinhalb Jahren erstellt haben."


EIN KLARER MUST, ABER NICHT UM JEDEN PREIS

Auch auf Wiener Ebene ist die Sache komplex genug: Auf der einen Seite gilt es zu unterschiedlichsten Themen neue Technologien und Innovationen in Form von digitalen Services und Prozessen einzusetzen – die Palette reicht vom Parkpickerl über Mindestsicherung und Förderungen und über Schulen und das Gesundheitssystem bis zum Katastrophenschutz. Gleichzeitig ist dabei –  nicht zuletzt angesichts anstehender Pensionierungswellen – Effizienz immer brennender gefragt. Und natürlich sind auch höchstmögliche Stabilität und Verfügbarkeit der digitalen Systeme und Services absolute Musts – und immer mehr nun auch höchstmögliche Souveränität – allerdings nicht um jeden Preis.

„Letztlich gilt es abzuwägen“, stellt Benedikt Schraik klar. „Können wir eine bestimmte Software überhaupt mit angemessenen Ressourcen entwickeln? Wie hoch ist das Risiko, das durch Abhängigkeiten entsteht? Was kostet es, Abhängigkeit zu reduzieren? Und vor allem: Welche Initiativen können und müssen wir in einem Bereich einfach setzen, weil es hier einen aktuellen Need gibt?“








Im Unterschied zu anderen Unternehmen und Organisationen lässt sich der Scope dabei nicht auf die eigene Verwaltung, die eigenen digitalen Systeme und die Steuerung des eigenen Unternehmens beschränken, sondern erstreckt sich weit darüber hinaus – zu den Bürger:innen, in die Wirtschaft und in die Gesellschaft. „Es nützt ja nichts, wenn unsere Verwaltungsarbeitsplätze reibungslos funktionieren, wenn aber die Wiener:innen nicht navigieren können, weil die Handy-Navgiation schwarz ist", bringt es der CTO auf den Punkt.


Dementsprechend vielfältig sind auch die Abhängigkeiten. Die öffentliche Diskussion fokussiert sich dabei vor allem auf die großen Hersteller, Hyperscaler, Web Provider und Online-Zahlungsdiensleister. Bei den Analysen der Stadt Wien beschäftigt man sich allerdings nicht nur mit der Rolle der Tech-Giganten und der globalen Software-Hersteller selbst, sondern genauso mit den jeweiligen Ökosystemen darum herum: Wer betreibt die jeweiligen Software-Produkte, welche Skills, Ressourcen und Implementierungspartner gibt es dazu am Markt, und wie stark ist ein System mit anderen Systemen integriert?


„Ein Office-Produkt ist keine Insellösung, die man so einfach durch andere austauschen kann“, warnt Benedikt Schraik. „Man muss hier auch immer die Integration mit Drittprodukten und die Kompatibilität eines Produkts im Auge haben. In der Regel ist die Integration bei einem Out-of-the-Box-System, das die ganze Welt einsetzt, um einiges einfacher.“


SOUVERÄNITÄT BEI JEDER LÖSUNG VON ANFANG AN MITGEDACHT


Die nötigen Skills braucht es nicht nur am Markt, sondern auch im eigenen Haus. Wie bei jedem Transformationsprojekt gilt es auch bei der Souveränität, die Mitarbeiter:innen in der IT-Organisation genauso mitzunehmen wie die Kolleg:innen in den Fachbereichen – und dafür auch überzeugende Argumente zu liefern. „Nur zu sagen, wir tauschen morgen ein Tool aus, mit dem wir jahrelang arbeiten, weil wir jetzt von China und den USA weniger abhängig sein wollen, wird die Leute nicht wirklich überzeugen", sagt Schraik. „Das gilt vor allem für breit eingesetze Tools, die man beispielsweise im Office-Bereich oder für Video-Conferenes oder Wissens-Plattformen schon aus anderen Unternehmen kennt und die man vielfach auch privat nutzt."


Zwar gehört der Blick für das Ganze grundsätzlich zur DNA einer IT-Organisation wie jener der Stadt Wien, dennoch hat das Thema Digitale Souveränität aus der Sicht des CTO hier noch zusätzliche Impulse gebracht:

„Man ist jetzt noch stärker dazu angehalten, den Aspekt der Handlungsfreiheit und Unabhängigkeit möglichst früh bei der Auswahl einer Lösung oder eines Systems zu berücksichtigen und von Anfang an mitzudenken.

Man muss sich noch genauer damit beschäftigen, wie leicht man von einer Lösung bei Bedarf wieder wegkommen würde und wie man vielleicht parallel auch Alternativen aufbauen könnte. Das Motto heißt sozusagen: Sovereignity by Design."








Dieser Ansatz ist auch in den aktuellen Open-Source-Bericht eingeflossen, den man erst vor Kurzem veröffentlicht hat. Darin committet man sich klar zum Ansatz „Open Souce First", allerdings eingebettet in eine hybride Strategie und nur dort, wo es sich um marktführende Produkte handelt, für die es entsprechenden Enterprise Support gibt. Um sich auf ungewisse Experimente einzulassen, stehen bei der Stadt Wien einfach zu viele Bürger:innen-Services und zu viele Arbeitsplätze auf dem Spiel.

Auch wenn man hier auf gesichertem Weg voranschreitet, befindet man sich dabei – auch im internationalen Vergleich – im Spitzenfeld und hat mittlerweile eine ganze Reihe an Open-Source-Lösungen erfolgreich im Einsatz. So hat man vor zwei Jahren mit Open Shift eine Kubernetes-basierte Open-Source-Plattform etabliert, setzt mittlerweile für die Dokumentenablage auf AIfresco und treibt seit kurzem auch die Einführung von Kong für ein neues API Management intensiv voran.


„Das sind aber alles Dinge, die wir nicht um der Souveränität willen machen, sondern, weil wir sie brauchen und weiter vorantreiben wollen und müssen“, betont Benedikt Schraik. „Auch bei Digitaler Souveräniät muss immer der Business Need im Zentrum stehen.“


TECHNOLOGISCHE OFFENHEIT UND FLEXIBILITÄT ALS VORAUSSETZUNG


Den Aufbau einer souveränen Technologieplattform hat man schon vor drei Jahren gestartet, etwa um die Betriebs- und Bereitstellungsprozesse im eigenen Rechenzentrum schneller und besser skalierbar zu gestalten. Heute laufen auf der Plattform Services wie die Website der Stadt Wien, der Stadtplan und die WienKI. Eine hochgradige Virtualisierung soll dabei sicherstellen, dass es quasi keine Rolle spielt, in welcher Betriebsumgebung, auf welchem Server, in welchem Netzwerk und in welchem Datacenter eine Applikation läuft. Und durch den Einsatz von Kubernetes und von Containerisierung soll auch die Applikationsebene stark dynamisiert und abstrahiert werden. „Für die Applikationen muss es irrelevant sein, ob sie heute bei einem Hyperscaler laufen, morgen in unserem eigenen On-Premise-Rechenzentrum und übermorgen vielleicht bei einem österreichischen Cloud Provider", fasst der CTO das Konzept zusammen.


Den zweiten strategischen Schlüssel – neben Virtualisierung – bildet eine Erneuerung des API-Managements. Gerade bei den vielfältigen Themen, die man als IT der Stadt Wien zu bespielen hat, sind Schnittstellen entscheidend – etwa im Gesundheitsbereich, wenn Befunde oder Röntgenbilder mit entsprechenden Datenmengen von einem Radiologiesystem in ein KIS gebracht werden müssen. Oder bei Upgrades des Elektronischen Akts, kurz ELAK, der mit etlichen Systemen einzeln verbunden ist. Hier braucht es eine Middleware-Technologie und eine Architektur, die eine gleichermaßen stabile wie anpassbare Verbindung der Systeme ermöglicht. Vor zwei Jahren hat man mit der Implementierung eines Enterprise Service Bus die Umsetzung dieses Needs bereits begonnen – nun soll ein neues API Management die einzelnen Systeme feingranular modular und die einzelnen Teile möglichst einfach austauschbar gestalten.







Zwar machen die zusätzlichen Anforderungen der Digitalen Souveränität die Auswahl und Integration von Technologien und Lösungen zu einer noch komplexeren Herausforderung – zu einem wirklichen Game Changer wurde das Thema trotz der diversen Aufgabenpalette für die IT-Organisation der Stadt Wien jedoch nicht.



WIEDER EINMAL EINE FRAGE DES MINDSETS


Für Schraik liegt der Schlüssel dafür im Mindset: „Als ich vor drei Jahren als CTO hierher wechselte, war ich wirklich erstaunt, wie ausprägt das Verantwortungsgefühl der Mitarbeiter:innen für die Wichtigkeit ihrer Arbeit ist und wie stark sie sich mit ihren Aufgaben identifizieren, beispielsweise wenn ein System oder ein Service zu einem bestimmten Termin unbedingt fertig werden muss. Das liegt auch daran, dass es häufig um öffentliche Projekte für die Bürger:innen geht, die sich in vielen Fällen nicht verschieben lassen – beispielsweise, wenn die Systeme für eine Volksbefragung am Tag X absolut reibungslos funktionieren müssen."


Der Output dieses Mindsets ist an der Wand hinter Schraik im wörtlichen Sinn greifbar. Ein paar Dutzend Awards hängen da oder stehen in der Vitrine davor. Nach der Einführung von Open Shift beispielsweise wurde die Stadt Wien für die Kombination von KI und Souveränität mit dem branchenübergreifenden und weltweiten Red Hat Innovation Award ausgezeichnet. Und diese Kombination war auch auschlaggebend dafür, dass man letztes Jahr von der EU den Public Sector Tech Watch Best Cases Award für außergewöhnliche Projekte verliehen bekam.

Für Benedikt Schraik ist das zugleich auch eine Bestätigung für den Weg, den die Stadt Wien beim Thema Digitale Souveränität eingeschlagen hat: „Es geht nicht darum, alles, was man aus den USA bezieht, künftig selbst in Europa abzudecken oder alles komplett in Richtung Open Source zu verlagern.

Es geht vor allem darum, die Wahlmöglichkeiten – an Lieferanten, an Kompetenzen, an Technologien und an Kooperationspartnern – zu verbreitern und die Abhängigkeit von Monopolisten deutlich zu verringern. Dazu darf man sich aber nicht zurückziehen, sondern muss umso aktiver mitgestalten.“


I DIGIT MY WAY Redaktion



Mehr zu digitalen Strategien und Innovationen der Stdt Wien:



 
 
AKTUELLER CONTENT ZUM THEMA DIGITALE SOUVERÄNITÄT
bottom of page