WERDEN WIR JETZT WIRKLICH UNABHÄNGIG? ABER WIE?
Aktualisiert: 9. Sept.

K O M M E N T A R
Michael Dvorak, Herausgeber von I DIGIT MY WAY, darüber wie viel digitale Unabhängigkeit tatsächlich möglich ist, über Abschottung, Agieren und Reagieren, über die Strategien heimischer Unternehmen und ihrer Verantwortlichen, um die eigene Handlungsfreiheit zu stärken und über die Frage, ob Digitale Souveränität vielleicht doch nur ein Hype sein könnte.
Als die Rufe nach Digitaler Souveränität aufkamen, war der erste Reflex Abwehr. Die Bilder, die sich da schnell vor dem inneren Auge generierten und zum Teil in der öffentlichen Diskussion auch befördert wurden, war das Bauen neuer Mauern und das Kappen von Brücken und bündelte sich in dem mittlerweile oft zitierten Begriff der „Abschottung". Als Reflex war der Begriff allzu verständlich, als strategisches Instrument taugt er allerdings ganz und gar nicht.
ABSCHOTTUNG MACHT NICHT STÄRKER, SONDERN SCHWÄCHER
Das zeigt schon die Geschichte – und zwar gerade in einem Teil der Welt, der heute maßgeblich bestimmt, wo es in Sachen Digitalisierung langgeht. China hat schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Opiumkriegen drastisch vor Augen geführt bekommen, dass auch die stärksten Mauern Aggressoren nicht stoppen können, wenn diese die weitaus überlegene Waffen haben und bereit sind, sie auch konsequent einzusetzen. Und zur gleichen Zeit musste Japan angesichts der kanonenbestückten US-Flotte vor seiner Küste die Erfahrung machen, dass die Isolation auf einer Insel das genauso wenig vermag.
Die Erkenntnis daraus: Abschottung macht nicht stärker, sondern schwächer. Das gilt auch und umso mehr, wenn die Expanison aus West und Ost, mit der es Europa zu tun hat, – hoffentlich noch lange Zeit ausschließlich – digital stattfindet und es um den Schutz von Systemen, Daten und Prozessen geht.
Nach der ersten Fassungslosigkeit darüber, mit welcher Bedenken-, Verantwortungs- und Rücksichtslosigkeit bestehende globale Regeln, Partnerschaften und Ökosysteme mutwillig aufs Spiel gesetzt werden, setzte sich genau diese Erkenntnis dann aber recht rasch bei vielen heimischen Entscheider:innen durch. Für sie war bald klar, dass es nicht reicht, nur zu reagieren, sondern, dass es nötig ist, zu agieren.
Und ebenso bald klar war:
Selbst wenn wir wollten, könnten wir all die digitale Infrastruktur, die Anwendungen, die Systeme, die Plattformen, die Cloud, die LLMs und damit alles, das unser gesamtes Business am Laufen hält, unmöglich quasi über Nacht gegen eigene Produkte austauschen.
Und das nicht nur, weil dafür eine Nacht oder auch ein paar Nächte mehr zeitlich nicht reichen würden, sondern weil wir solche eigenen Produkte in sehr vielen Fällen derzeit schlichtweg gar nicht haben.
Ganz abgesehen davon, dass der Do-it-yourself-Modus vermutlich auch nicht die intelligenteste Lösung wäre – oder in den Worten von Alexander Hochmeier, Vice President IT & Security von FACC: Sollen wir die globale Zusammenarbeit jetzt vergessen und alle das Rad wieder selbst jedes Mal aufs Neue erfinden? Dann ist es schon klüger und zugleich aussichtsreicher, die internationalen Möglichkeiten aktiv zu nützen.
AGIEREN STATT REAGIEREN
Genau diese Richtung schlagen nun offenbar immer mehr Verantwortliche heimischer Unternehmen und Organisationen ein. Indem man zum einen durchaus das strategische Ziel verfolgt, eigene Lösungen – zumindest mit – zu bauen, dafür Kooperationen und auch neue Partnerschaften forciert und dabei zum Beispiel auf Open-Source-Lösungen setzt, sofern diese geeignet scheinen. Und indem man zum anderen gleichzeitig die Abhängigkeit von bestehenden Lösungen so weit wie möglich reduziert, sie zumindest potenziell oder teilweise ersetzbar macht, am Markt Alternativen für sie sucht und diese als Backup oder als redundante Option etabliert.
Das Motto ist: Je vielfältiger und breiter die Wahlmöglichkeiten, umso größer die Handlungsfreiheit und Unabhängigkeit.
Das Ganze hätte ja durchaus eine Portion Ironie, wenn man auf diese Weise die US-Tech-Giganten ausgerechnet mit ihrem Erfolgs-Narrativ des freien Marktes und Wettbewerbes in die Schranken weisen könnte. Die Betonung liegt allerdings auf "hätte". Tatsächlich war diese Erfolgserzählung nämlich von Anfang an nur ein Mythos. Die historischen Heldenfiguren dieser Erzählung, wie die Vanderbilts, Rockefellers und Carnegies und wie auch die Innovatoren unter ihnen, die Edisons und Fords, waren nur so lange Verfechter des freien Wettbewerbs, solange es die eigene Position zu erobern galt – das langfristige Ziel war zumeist das komplette Gegenteil eines freien Wettbewerbs und hieß Monopolstellung. Die Musks und Zuckerbergs führen diese Monopolismustradition einfach konsequent fort und verfügen dabei über noch mehr - nämlich im wörtlichen Sinn unbegrenzte - Möglichkeiten, um diese durch geballte globale Abhängigkeiten zu perfektionieren..
SOUVERÄNITÄT BRAUCHT ZEIT UND SORGFALT - ABER AUCH ENTSCHLOSSENHEIT
Die Erfahrungen heimischer Pioniere in Sachen Souveränität zeigen aber auch: Will man den freien Markt nutzen, um bestehende Abhängigkeiten tatsächlich zu reduzieren und nicht neue oben dazu zu packen, braucht es Zeit und Sorgfalt.
Es gilt bei jeder Lösung, von Anfang an um einiges mehr mitzudenken als bisher - und noch genauer zu beurteilen, wie flexibel und modular sie sich im Fall der Fälle wieder austauschen lässt und wie einfach sie sich implementieren und betreiben lässt, um eine andere Lösung abzulösen.
Gleichzeitig gelten die Kernanforderungen natürlich weiterhin um nichts weniger: Sie muss sicher und stabil sein, und vor allem muss sie dem Business und den Anwender:innen den Nutzen liefert, den sie brauchen – wie zwar so, wie sie den brauchen. Und natürlich kostet eine zusätzliche Alternative auch zusätzlich Geld – Geld, das man sich für ein mehr Stück Unabhängigkeit erst einmal leisten können und dann auch leisten wollen muss.
Das alles heißt nicht, auf diese Unabhängigkeit lieber zu verzichten, sondern, im Gegenteil, umso entschlossener und strategischer voranzutreiben – und zu priorisieren, wo es dafür am dringendsten und zugleich nachhaltigsten anzusetzen gilt. Komplette Unabhängigkeit wird zwar auch dann nicht erreichbar sein, aber zumindest die Handlungsfähigkeit, sich aus zu großen Abhängigkeiten von einzelnen lösen zu können.
VIELLEICHT DOCH NUR EIN HYPE?
Dass dies gelingt ist auf vielen Ebenen wünschenswert, auf europäischer Ebene im politisch-wirtschaftlichen Sinn genauso wie heruntergebrochen auf die Ebene der einzelnen heimischen Unternehmen und Organisationen. Allerdings stellt sich auch hier wieder einmal die Frage, die in der IT und der Digitalization längst zum Running Gag geworden ist, wenn es neue große Themen geht: Entwickelt sich hier etwas nachhaltig, um zu bleiben oder entpuppt es sich letztlich möglicherweise nur als Hype?
ÖAMTC-CTO Susanne Tischmann beispielsweise geht davon aus, dass es vorrangig von der politischen Entwicklung abhängt, wie es mit dem Thema Digitale Souveränität weitergeht und dass es wieder an Bedeutung verlieren wird, wenn andere, neue Player auf der politischen Weltbühne in Zukunft wieder mehr auf Zusammenarbeit statt Konfrontation setzen sollten. Auch wenn sich solch eine Entwicklung derzeit leider nicht wirklich abzeichnet, ist zu hoffen, dass es so kommt.
Für diesen Fall gilt es allerdings auch zu hoffen, dass sich dann schon zu viel in die Richtung Souveränität bewegt hat, um es wieder rückgängig zu machen.
Dass europäisch-souveräne Geschäftsmodelle dann bereits zumindest einigermaßen erfolgreich angelaufen sind, dass in den Unternehmen dann bereits eine wesentlich breitere und vielfältigere Lösungspalette etabliert hat und dass sich dann das Bewusstsein für Unabhängigkeit letztlich nicht mehr nur an ein paar verhaltensauffälligen politischen Führern festmacht, sondern wirklich als Hebel für die eigene Handlungsfreiheit verstanden wird. Und dass dem vielzitierten Weckruf für Europa dann nicht die Luft ausgeht und nur noch ein leises Echo davon bleibt.

Michael Dvorak ... ist Herausgeber des Business E-Zines I DIGIT MY WAY und des Management-Printmagazins CIDO Guide, sowie Herausgeber des B2B-Magazins it&d business und des Online-Portals itdbusiness.at.







